1997:
Als letzte nette Bauchpinselei für uns Schüler, bevor wir in die Abiturvorbereitung geschickt werden sollten, gab es noch die Abschlussfahrt nach Schweden. Unser Leistungskurs für Erziehungswissenschaften fuhr gemeinsam mit dem Chemie-LK nach Kungälv. Floryan und ich rotteten uns gleich für eine Hütte zusammen. Floryan war zu der Zeit mein Partner in Crime. Beispielsweise hatten wir zuvor mal einen Aschermittwoch feierlich mit Konfetti und Tröten begangen, als Zeichen unserer Ablehnung gegen die Faschingszeit. Unser EW-Lehrer forderte uns dann bei wichtigen Aussagen auf, sie mit einem Tusch auf der Tröte zu unterstreichen.
Für die Holzhütte in Schweden schnappten wir uns noch Michael dazu, der ohnehin schon ständig unter unserem neckischen Schabernack zu leiden hatte. Michael war stets die Freundlichkeit und Fröhlichkeit in Person. Nichts konnte ihn trüben, aber empören konnte er sich stets vorzüglich. Diese Art von Empörung, bei der jemand noch immer überfreundlich ganz schnell den Kopf schüttelt, so dass Ausläufer des Schüttelns sich noch auf die Schnürsenkel auswirken, wirkte durch seinen großen Mund, der an Mick Jagger und Steven Tyler gemahnte, besonders putzig. Zusätzlich schauten wir uns noch Oliver aus, den vor allem Floryan als prima Opfer für ein temporäres Zusammenleben ansah. In diesem Viererverbund gingen wir dann im lokalen Discounter unsere Versorgung zusamenkaufen, bevor die Fahrt losgehen sollte.
Kurz vor dem Abfahrtstag erreichte uns dann die Nachricht, dass Michael leider ins Krankenhaus eingeliefert wurde, da ihm Lungenbläschen geplatzt waren. Mit uns hätte er sicherlich lustigeres erlebt, aber so mussten wir uns damit abfinden, zu dritt eines der schnuckeligen Ferienhäuser zu bewohnen. Vor Fahrtantritt präsentierte Floryan mir stolz die Rolle Paketschnur, die er eingepackt hatte. Er versicherte mir, dass die überaus nützlich sei. Auch wenn in dem Moment ich mir noch nicht viel darunter vorstellen konnte, vertraute ich ihm in dieser Sache.
Die Busfahrt an für sich war schon ziemlich spannend. Mir persönlich wäre es allerdings lieber gewesen, wenn wir uns hätten sicher sein können, lebendig anzukommen. Um die Klassenfahrt auch ein wenig als Urlaub mitzunutzen, nahm der Busfahrer seine Gattin mit. Während der ersten Etappe, die uns nach Kiel zur Fähre führen sollte, führte er immer wieder Telefonate mit seinen Kindern, die gerade irgendeinen bestimmten Topf oder Gurkenschneider suchten. Schon das zehrte an der Konzentration unseres Fahrers. Richtig mulmig wurde uns als er anfing, sich an Kragen und Kravatte nervös herumzuzerren und -zupfen. Er machte den Eindruck, als fühlte er sich eingeengt und unwohl.
Auf der Fähre war ein obligatorisches Schülerbesäufnis angesagt. Floryan und ich waren schlau genug, dafür nichts bezahlen zu müssen. Wir trafen einen Trupp junger Herren, die sich auf ihren T-Shirts als „Knock-Out-Club Gersmold“ präsentierten. Ein Boxverein war das nicht. Die Jungs zettelten ein Gespräch mit uns an und offerierten uns Getränke. Ich trug an jenem Tag mein T-Shirt von der Band Toxoplasma mit der Aufschrift „Den letzten holt die Bundeswehr“. Ein Clubmitglied las nur das Wort Bundeswehr auf Bauchnabelhöhe und begann begeistert von seiner Armee-Zeit zu schwärmen. Dadurch stieg seine Spendierlaune gleich noch immens an. Wir ließen uns Hochprozentiges spendieren und verabschiedeten uns gleich nach dem Austrinken unverschämt abrupt. Der „Knock-Out-Club“ war aber viel zu betrunken, um unsere Dreistigkeit zu bemerken.
Unser nächster Alkohol-Sponsor war dann Jürgen. Der wirkte insgesamt wie die Vorlage zur Simpsons-Figur Barney Gumble und war nicht nur so beleibt wie der Zeichentricksäufer, sondern vor allem ebenso betrunkenen. In meiner Erinnerung hat er auch den für Simpsons-Figuren obligatorischen Oberbiss. Er glaubte an das Gute in uns und präsentierte sich großmündig als „Freund der Jugend“, der seine Aufgabe als Ausbilder sehr genoss.
Floryan und ich stellten uns als Samson und Bert vor und ließen uns von ihm großzügig Bier ausgeben. Wir wollten auch unsere Mitschülerin Hülya an seiner Spendierfreude teilhaben lassen und schleppten auch sie an und Floryan stellte sie ihm als unsere Freundin Tiffy vor. Im Gegensatz zu uns an dem Abend hatte Hülya ein Gewissen und verzichtete darauf, Clemens das Portemonnaie leer zu saufen.
In Schweden angekommen baute unser Fahrer dann tatsächlich noch fast einen Unfall beim Spurwechsel, so dass der Chemie-Lehrer Herr Börchers einmal kurz aufbrauste. Neben lehrplanorientierten Besuchen in pädagogischen Einrichtungen und einer Automobilmanufaktur stand uns in Kungälv reichlich Freizeit zur Verfügung.
Floryan und ich amüsierten uns köstlich darüber, wie sehr sich Oliver über unsere Marotte ereiferte, sämtliche Süßigkeitspackungen aufzureißen, etwas zu naschen und dann beim nächsten Mal zur Abwechslung die nächste Packung zu öffnen. Mit wohltemperierter Cholerik setzte er uns Mäusen gleich, die auch alles anknabberten. Wenn er sich über unseren Drang zur Abwechslung schon derart aufregen konnte, müsste er bei richtigen Streichen schier durchdrehen.
Nun erfuhr ich, wozu man Paketschnur gebrauchen konnte. Wir bastelten gemeinsam ein Mobilé über Olivers Bett. Dazu Figuren aus Pappe auszuschneiden hätte uns einen viel zu biederen Deckenschmuck ergeben. Und so hängten wir an der Schnur ausgewählte Accessoires unter die Decke. Sehr schmuckhaft war beispielsweise eine Haarbürste, die sich Olivers mitgebracht hatte. Ich brachte als Höhepunkt noch einen angebissenen Doppelkeks ins Spiel. Um den Spaß noch etwas auszuweiten, legten wir eine leere Audio-Kassette in unseren Kassettenrecorder, drehten die Stromsicherung heraus und schalteten das Gerät im lichtlosen Raum auf Aufnahme. Als letzte Zutat für unser selbstgebasteltes HB-Männchen kam noch etwas Haarschaum von außen auf die Türklinke.
Voll fieser Vorfreude saßen wir wartend im Dunkel auf unseren Betten. Oliver kam, griff in den Haarschaum und schimpfte lauthals los über diese Sauerei. Als dann drinnen der Lichtschalter ihm den Dienst versagte, motzte er munter weiter. Nun schaltete er eigenhändig die Sicherung wieder ein und startete so die Kassettenaufnahme. Der Recorder muss rote Ohren bekommen haben, so wüst wütete Oliver, als er unser originelles Mobilé-Unikat sah. „Jetzt haben mir die Spinnenmänner Scheiße über’s Bett gehängt“, brüllte er unfreiwillig auf unser Band. „Na schlaft ihr bloß ein, dann fick ich euch innen Arsch!“.
Dieses Tape spielten wir auf unserer Rückfahrt dem einen oder anderen vor, der sich diesem Spaß aussetzen wollte. Leider ging das Band verloren irgendwo auf der Fähre und ist seither verschollen. Das wiederum verrieten wir Oliver nicht gleich, sondern kündigten ihm immer wieder an, dem Busfahrer mal eine Kassette zu geben.
