{"id":241,"date":"2009-11-18T19:31:00","date_gmt":"2009-11-18T19:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/?p=241"},"modified":"2025-11-13T13:01:17","modified_gmt":"2025-11-13T13:01:17","slug":"die-elektronische-kindheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/ueberfall-fanzine\/die-elektronische-kindheit\/","title":{"rendered":"Die elektronische Kindheit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>nach Der Unsichtbare, Die elektronische Kindheit (LP), 2002<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die elektronische Kindheit beginnt in dem Moment, als deine Eltern dich das erste Mal den Kopfh\u00f6rer ihrer neuerworbenen, s\u00fcndteuren Stereoanlage mit dem hypermodernen Dual- Plattenspieler aufsetzen lassen. Es ist einer dieser Plattenspieler, bei denen es keine 78-rpm- Einstellung mehr gibt, und er ist so neu und teuer, dass du ihn niemals ohne Aufsicht benutzen d\u00fcrftest. Mal abgesehen davon, dass du ohnehin noch zu klein bist, um ihn zu erreichen &#8211; obwohl ein cleveres Kind nat\u00fcrlich entsprechende Hilfsmittel fi nden wird, den gebl\u00fcmten Sitzpuff im zeitgem\u00e4\u00dfen Design des Jahrzehnts zum Beispiel. Und obgleich deine H\u00e4nde noch zu klein sind, um selbst die gro\u00dfen schwarzen Scheiben zu manipulieren, f\u00fchlst du dich wie ein Astronaut unter den riesigen H\u00f6rmuscheln, die deinen Kopf fast wie ein Helm umschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die elektronische Kindheit beginnt, wenn du den Kl\u00e4ngen in deiner Raumkapsel lauschst, den Stimmen, die dir pl\u00f6tzlich so nahe sind wie niemals zuvor. Stimmen aus dem \u00c4ther, die ganz seltsame, unverst\u00e4ndliche, aber faszinierende Worte formen. Es muss sich um Au\u00dferdirdische handeln, m\u00e4chtige Wesen, deren Sprache nur aus Gesang besteht. Wenn geredet wird, ist es immer in Deutsch. Die banale, allt\u00e4gliche Sprache der Bodenstation. Die kannst du auch h\u00f6ren, wenn du den Kopfh\u00f6rer abnimmst. Deshalb ziehst du die Platten vor, auf denen nur diese Stimmen und diese Musik drauf sind, die sie immer begleitet. Das Ohr ins All: du musst unbedingt herausfinden, wie du mit diesen Au\u00dferirdischen Kontakt aufnehmen kannst. Denn klar ist, dass es paradiesisch sein muss, an einem Ort zu leben, wo jede Sprach\u00e4u\u00dferung von Musik und Getrommel begleitet wird, anstatt dass man immer gleich ein \u201eJetzt sei aber mal ein bisschen leise!\u201c zu h\u00f6ren bekommt, wenn man zu singen anf\u00e4ngt. Obwohl doch jeder wissen sollte, dass das zum Legospielen dazugeh\u00f6rt. Also setzt du dich auf dein Dreirad und machst dich auf die Suche. Gibst den Au\u00dferirdischen Signale, indem du Radio spielst und Verkehrsdurchsagen machst \u2013 damit sie nicht im Stau stecken bleiben, wenn sie dich abholen kommen. Und weil \u00dcbung den Meister macht, f\u00e4ngst du schon mal an, in ihrer Sprache zu singen. Das mag vielleicht noch nicht perfekt sein, aber sie werden deine gute Absicht erkennen und dir friedlich gesonnen sein, wenn sie endlich kommen. Die Bodenstation dagegen ist wenig begeistert, als sie dich und deine Dreirad-Raumkapsel am Rande der Schnellstra\u00dfe aufl iest. Ihre Vorhaltungen \u00fcber irgendwelche Gefahren findest du l\u00e4cherlich, weil du nat\u00fcrlich nicht vorhattest, die Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren \u2013 wozu auch? Es liegt ja auf der Hand, dass die Aliens diese als Landebahn benutzen werden. Als Reaktion auf deine Entsch\u00e4digungsforderung \u201eSchlagzeug will der Bubi h\u00f6ren, auf Kopfh\u00f6rer, bumm-bumm!\u201c wirst du ohne Abendessen ins Bett geschickt. Jahre sp\u00e4ter wirst du sie daf\u00fcr bezahlen lassen \u2013 in Form von Gitarren-, dann Schlagzeugunterricht und dann den zwei 1210ern. Obwohl \u2013 das Geld f\u00fcr die haben sie dir nur geliehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die elektronische Kindheit geht weiter, wenn du dir jeden Weltraumfilm anschaust, den das Fernsehen hergibt, um mehr \u00fcber die Aliens herauszufinden. Zu deiner Entt\u00e4uschung singen die in den Filmen nie, reden deutsch oder grunzen komisch und sind ganz gemein. Dass die Musik machen, ist ihnen \u00fcberhaupt nicht zuzutrauen. Der einzige Weltraumfilm, in dem Musik gespielt wird, ist Buck Rodgers, aber das ist so ganz komisches Gefl\u00f6te aus einer Orgel, die ausschaut wie die K\u00fchltheke beim Metzger. Das ist doof, aber kein Wunder, weil ja die Au\u00dferirdischen spielen. Und die Musik im Hintergrund ist bei den meisten Filmen genausodoof. Ganz ohne Schlagzeug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die elektronische Kindheit geht immer noch weiter, als du lernst, dass die Sprache der Au\u00dferirdischen Englisch hei\u00dft und gar nicht die Sprache von Aliens ist, sondern die von Menschen, die Engl\u00e4nder hei\u00dfen und auf der Erde in einem Land namens Amerika wohnen. Das schockiert dich zuerst ein bisschen \u2013 auf derselben Erde wie du und die Bodenstation? Dann kommst du hier ja nie raus, sogar mit Musik. So ein Mist. Deine Stimmung bessert sich etwas, als dir klar wird, dass du auf diese Weise immerhin auf eine Raumkapsel verzichten kannst. Wo h\u00e4ttest du die auch herkriegen sollen? Das war ein Problem, das dich schon l\u00e4nger beunruhigt hat. Vielleicht kannst du jetzt ja mit deinem Bonanzarad nach Amerika fahren. Als du sp\u00e4ter von den \u00e4lteren Nachbarskindern erf\u00e4hrst, dass man die au\u00dferirdische Sprache, die gar keine mehr ist, in der Schule lernen kann, und feststellst, dass die Bodenstation sie nicht beherrscht, triumphierst du. Noch ein paar Jahre, dann ist es so weit. Und jetzt, wo du wei\u00dft, dass die Musik auf der Erde zu fi nden ist und du sie nicht im Weltall suchen musst, machen dir auch die Filme mehr Spa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die elektronische Kindheit geht weiter. Sie geht auch dann noch weiter, als das rothaarige M\u00e4dchen aus der Parallelklasse, dem du den ersten Liebesbrief deines Lebens geschrieben hast, nichts von dir wissen will. Du kommst von der Schule nach Hause und willst nicht, dass die Bodenstation h\u00f6rt, wie du weinst, und legst Mot\u00f6rhead auf. Als die Bodenstation gegen deine T\u00fcr schl\u00e4gt und schreit, dass du leiser machen sollst, sperrst du die T\u00fcr ab. Jetzt, wo du sie am n\u00f6tigsten brauchst, sind die Au\u00dferirdischen da, und ihr sprecht die gleiche Sprache, und sie helfen dir, eine Schallmauer zu bauen, die die Welt drau\u00dfen h\u00e4lt. Die Bodenstation und die ganzen anderen Schweine. Die Aliens sind deine besten Freunde, und du selber f\u00fchlst dich wie ein Fremder auf diesem verschissenen Planeten. Sie m\u00fcssen also wohl doch Au\u00dferirdische sein, auch wenn sie mit dir Englisch reden: No sleep till Hammersmith. Highway to hell. London calling. Get pissed. Destroy. No sleep till Brooklyn. I wanna be sedated. I\u2018m only looking for fun. Die elektronische Kindheit geht weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die elektronische Kindheit geht weiter unter dem Walkman auf dem Weg in die Schule; auf \u00fcberf\u00fcllten Tanzfl \u00e4chen, wo niemand etwas von dir wissen will; in Autos auf dem Weg zur Tankstelle, um noch Bier zu holen f\u00fcr die Session zu Hause; in der Musik auf der Party, wo du deine erste richtige Freundin kennenlernst. Die elektronische Kindheit geht weiter in dem Keller, in dem du mit neuen Freunden auf Instrumente einschl\u00e4gst, um deine Wut loszuwerden, und irgendwann etwas heraush\u00f6rst, von dem sagst: Das ist sch\u00f6n. Die elektronische Kindheit geht weiter in der Platte, die du aufl egst nach einem Arbeitstag, der voll und ganz und absolut zum Kotzen war, und der Platte, die du auflegst an dem Morgen, an dem sie endg\u00fctig weg ist. Die elektronische Kindheit geht weiter in der Datei, die dir jemand mailt: ein Rhythmus, \u00fcber den du eine Melodie legst und pl\u00f6tzlich passt alles, und es ist fast wie Gl\u00fcck oder wenigstens wie ein Rausch ohne Kater. Die elektronische Kindheit geht weiter, und das hat nichts damit zu tun, dass die Rocks\u00e4nger weitermachen, die Regierungen und das Papier, sondern mit der elektronischen Kindheit, die weiterl\u00e4uft als Motor im Kopf des Individuums. Und wenn der einmal stehen bleibt, dann, so nimmst du an, setzt dein Herz aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>nach Der Unsichtbare, Die elektronische Kindheit (LP), 2002 Die elektronische Kindheit beginnt in dem Moment, als deine Eltern dich das erste Mal den Kopfh\u00f6rer ihrer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[67,22],"tags":[],"class_list":["post-241","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-stories","category-ueberfall-fanzine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=241"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":242,"href":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/241\/revisions\/242"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ueberfall-home.de\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}